Ein Ende

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Das Ende

 

Ich hoffe, Sie haben gelesen, was es über mich zu lesen gibt. Sonst ist es vielleicht etwas schwierig zu verstehen, wie ich diese Geschichte aufschreiben kann. Beruflich bin ich Sündenkarteibeamtin im Jenseits. Meine Aufgabe ist es, alle Verfehlung der Erdenbürger aufzuschreiben, damit jeder beim Eintritt in den Tod zunächst gerichtet werden kann, ehe entschieden wird, wo er letztlich landet. Natürlich bin ich nur für einen begrenzten Erdenbereich zuständig. Dennoch gibt es viel zu sehen in meinem Job. Selten aber ist eine Geschichte für mich so berührend wie diese, kracht sie doch vor Widerwärtigkeiten, Intrigen und Minderwertigkeitskomplexen. Deshalb möchte ich Sie Ihnen erzählen.

Die Geschichte begann mit einer Entscheidung. Carola saß an einem zauberhaften Frühlingstag auf der Terrasse. Es war einer dieser Tage, die nach Neubeginn riechen. Sie blickte durch die Tür in Richtung Esstisch, wo ihr Mann Dodi gerade dabei war, eine Wurstsemmel ohne Messer, nur mit der Geschicklichkeit seiner Finger zu teilen, mit viel Wurst zu belegen und im Anschluss natürlich auch zu sich zu nehmen. Ein ganz banaler Vorgang, möchte man meinen. Doch für Carola reichte diese Beobachtung, damit die Entscheidung in ihr mit absoluter Sicherheit gefällt werden konnte. Ohne Wenn und Aber wusste Carola es nun: Sie wollte die Trennung von Dodi und sie wollte sie sofort.

In der Regel ist es auf dieser Welt so, dass das Essen einer Wurstsemmel keine weitreichenden Folgen nach sich zieht – es sei denn, es handelt sich um eine irgendwie vergiftet Wurstsemmel. Diese Wurstsemmel war nicht vergiftet. Was niemand sehen konnte: Diese Semmel produzierte Gift. Unsichtbares Gift, das auf geheimnisvolle Art und Weise in Carola injiziert wurde. Dieses Gift heißt Abscheu.

Voller Anspannung beobachtete die junge Frau das sich anbahnende Szenario. Sie hatte es tausend Mal gesehen in den letzten Jahren. Sie wusste was nun kommt und sie fürchtete sich davor. Gelähmt war sie, unfähig ihren Blick abzuwenden. Und dann tat er es. Dodi nahm die dick mit Wurst belegte Semmel in beide Hände und führte sie zum Mund. Sein Mund öffnete sich leicht. Die Zungenspitze kam ein wenig aus dem Mund heraus und zeitgleich bleckte Dodi die Zähne, indem er die Lippen fest nach außen schürzte. In diesem hochgestülpten Zustand sahen seine Lippen aus, wie zwei fette, kurze Regenwürmer. Und diese fetten, kurzen Regenwürmer, mit den dazwischenliegenden, gebleckten Zähnen stülpte Dodi nun über die Semmel, wobei auch die herausblitzende Zungenspitze wieder in den Mund zurückbefördert wurde. Niemand wusste, dass Dodi sie von innen an die Semmel drückte, warum auch immer… Die Semmel verschwand zu unglaublichen 50% in diesem Regenwurmportal. Carola dachte just in diesem Moment daran, wie gerne und leidenschaftlich sie diese Regenwürmer einst geküsst hatte. Würgereiz kroch ihr den Hals hoch und Gänsehaut kroch ihr über die Arme.

Dodi ahnte von alledem nichts. Gut bei Laune stellte er den linken Fuß vor seinen Hintern auf die Sitzfläche des Stuhles und popelt sich ein bisschen zwischen seinen nackten Zehen herum, während er eine halbe, dick mit Wurst belegte Semmel zwischen den Zähnen hin und her schob.  Schon seit geraumer Zeit war Dodi mit Fußpilz geschlagen und seit das so war, nutzte er gerne die Kaupausen beim Essen, um die abblätternde Haut von den Fußsohlen und den Zehen zu popeln. 

Nach wenigen Sekunden entließ der Beobachtete seine Zehen aus den Fingern, weil er sich das letzte Stück Semmel in das Regenwurmportal schob.  Carola wurde von einer weiteren Abscheu-Injektion getroffen.
Gott, wie hatte sie diesen Mann einmal geliebt. Und was hatten sie für eine schöne Zeit zusammen. Als sie sich kennenlernten, hatten sie nur die Leichtigkeit des Lebens im Sinn. Partys feiern, Karten spielen, saufen…
Carola mochte heute andere Dinge. Sie mochte Theater und Musik, Kunst und Wissen. Sie hatte viele Hobbys, aber wenig Zeit, die sie gut und sinnvoll nutzen wollte. Dodis Welt war einfacher. Dodi mochte auch heute noch Partys feiern, Karten spielen und saufen… In der Freizeit sah er gerne Filme im Fernsehen an.  Klassisch mit Bier und Chips. Dodi und Carola hatten sich sozusagen auseinandergelebt.

Während Dodi seinen soeben noch Hornhaut popelnden rechten Zeigefinger in ein frisches Brötchen bohrte, um es im Anschluss so auseinander zu reißen, damit man es mit viel Wurst füllen kann, dachte Carola über ihr Sexleben nach. Am Anfang war alles pure Leidenschaft. Die Anfänge einer Beziehung können sehr einnehmend sein. Das Einbringen vieler Chemikalien in den Körper, in Form von Hormonen und Botenstoffen, kann zu starken Glücks-  und Rauschzuständen führen. Wer will bei einem gut gelungenen Vollrausch schon darüber nachdenken, was noch kommen mag? Fakt ist: Es kommt immer was, weil das Leben nicht für einen dauerhaften Rauschzustand gemacht ist. In der Beziehung zwischen Dodi und Carola waren es zwei Kinder die da kamen. Das erste nicht ganz gewollt, letztlich doch als Kronprinz geliebt. Das zweite gut geplant. Aus verschiedenen Gründen kam für Carola von da an nur noch Teilzeitleidenschaft in Frage. Es waren Müdigkeit, angesabberte Blusen und das oft fehlende Gefühl, sexy zu sein, die sie davon abhielten so viel Sex zu haben, wie sie es hatte, bevor sie Kinder zur Welt brachte.

Für Dodi war es überhaupt keine Option, nur alle paar Tage Sex zu haben. Für ihn war so ein Zustand nicht einmal nur in Gedanken möglich. Sex musste man nach seiner Fasson täglich haben. Im Idealfall sogar mehrmals. Er wollte bei so einem wichtigen Thema definitiv Vollzeit. Zunächst malte er sich auch nicht aus, dass das ein Problem darstellen könnte. Schließlich war Carola zu Sex mit ihm verpflichtet. Ja, das steht sogar in einem der Gesetzbücher. Dodi hatte das im Internet sehr intensiv recherchiert und wusste deshalb sogar, dass Carola nicht einfach nur die Beine breitmachen konnte. Nein, sie musste echt geil auf ihn sein. „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt.“ So stand es auf Wikipedia, weil der Bundesgerichtshof das so entschieden hatte.

Carola ließ sich durch die Entscheidung des Bundesgerichtshofes nicht erweichen. Sie wurde zur Gesetzesbrecherin. Carola entzog sich mehr und mehr. Dodi drängte mehr und mehr. Regelmäßig, also mehrfach am Tag, wenn sich eine entsprechende Gelegenheit ergab, griff er Carola zwischen die Beine oder an die Brüste, packte sie und drückte sie an sich, besonders untenrum, um sie dezent, ohne große Debatten, darauf aufmerksam zu machen, was das Gesetz von ihr verlangte. Es war eine schwere Zeit für Dodi, weil er es nicht verstehen konnte, was in Carola vor sich geht. Mit wachsendem Unmut beobachtete er, dass Carola nicht nur keinen Sex mehr mit ihm wollte. Sie verweigerte ihm sogar immer öfter sehr aufbrausend, so einfache Dinge wie das Greifen zwischen ihre Beine und an ihre Brüste. Sie wehrte sich, wenn Dodi sie an sich drücken wollte, besonders untenrum. Und so kam es, wie es kommen musste. Da Carola sich nicht an ihre eheliche Pflicht halten wollte, blieb Dodi ab dieser Zeit nichts Anderes übrig, als selbst Hand anzulegen. 

Die junge Frau fixierte immer noch seltsam starr Dodis Tun am Esstisch. Deutlich spürte sie die Demütigung und das aufkeimende und immer größer werdende Gefühl des Ekels in sich, als sie an die Zeit dieser sexuellen Bedrängnis dachte. Sie atmete tief, als würde sie beinahe ersticken müssen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf Dodi, wie er da saß, am Esstisch.  Ein starker Würgereiz überkam Caro, wie sie von Freunden genannt wurde, als Dodi auf seine auseinander gerissene Semmel eine recht große Menge Wurst packte, während er sich zwischendurch immer wieder zwischen den Zehen kratzte. Er nahm die Semmel in beide Hände und führte sie zum Mund. Sein Mund öffnete sich leicht. Die Zungenspitze kam ein wenig aus dem Mund heraus und zeitgleich bleckte Dodi die Zähne, indem er die Lippen fest nach außen schürzte. In diesem hochgestülpten Zustand sahen seine Lippen natürlich schon wieder aus, wie zwei fette, kurze Regenwürmer. Und diese fetten, kurzen Regenwürmer, mit den dazwischenliegenden, gebleckten Zähnen stülpte Dodi nun über die Semmel, wobei auch die herausblitzende Zungenspitze wieder in den Mund zurückbefördert wurde.

Dodi kaute diese Hälfte der Semmel so seltsam langsam. Carola überkam eine schlimme Ahnung, eine Angst vor dem, was nun folgen würde. Gebannt hielt sie die Luft an, als Dodi entschieden die Semmel vor sich auf den Teller legte, während er mit dem Hintern ein wenig auf der Sitzfläche nach vorne rutschte, so dass er beinahe eine halbliegende Stellung auf seinem Stuhl einnahm. Im selben Moment verschwand seine Rechte von oben in der Jogginghose. Von nun an dauerte es nicht mehr lange, nur wenige Momente. Dann wurde Dodis breites, dickes Gesicht hochrot. Die Augen in dem rot glänzenden Gesicht waren halb geschlossen, der Mund halb geöffnet, das Kinn nach vorne geschoben. In diesem nach vorne geschobenen Unterkiefer hing die Zunge wie ein rosa Waschlappen, der auf der Unterlippe lag und mit dieser abschloss. In den Mundwinkeln sammelte sich der Speichel. Friedvolles Schnauben setzte ein und auch ohne genau hinzusehen konnte man deutlich erkennen, dass die Hand in der Hose gleichmäßige Kraulbewegungen machte. Carola senkte betroffen den Kopf und bedeckt mit einer Hand einen Teil ihres Gesichtes, beschämt, entsetzt, angewidert. 

In den letzten Jahren legte Dodi sehr regelmäßig mehrfach am Tag Hand an sich an. Das begann, als Carola sich weigerte ihren ehelichen Pflichten nachzukommen und wurde zu einer entspannenden, schier meditativen Freizeitbeschäftigung für Dodi. Für seine Frau war das alles andere als meditativ. Sie fühlte sich aufgeregt angewidert. Mehr und mehr. Und bald schon bekam sie starken Brechreiz, wenn sie wieder friedvolles Schnauben, oft verbunden mit Flapp-Flapp-Geräuschen, aus der Toilette, dem Bad oder dem Schlafzimmer vernahm. Sie machte Einiges durch zu dieser Zeit. Dass sie ihr persönliches Versagen deutlich erkannte, half ihr nicht weiter, denn das Kind war lange schon in den Brunnen gefallen. Sie hatte es nun mal getan, sie hatte einen ständig geilen, schamlosen Wichser geheiratet, der in der Hose mehr zu bieten hatte, als im Kopf, wie ihr schien. Oft fragte sie sich, wie es kommen konnte, dass sie das in all den Jahren, bevor die Kinder geboren wurden, nie bemerkt hatte. Sie schämte sich dafür.  

Ein zu erwähnender Punkt, den man Dodi hoch und positiv anrechnen musste war, dass er fast immer im stillen Kämmerlein zu Ende wichste.  Die Vorbereitung dazu traf er jedoch ohne Rücksicht auf seine Frau. Sollte sie ruhig sehen, was sie angerichtet hatte. Und so kam es, dass Caro im Laufe der Jahre ihren Mann fast nur noch mit der Hand in der Hose antraf, hingebungsvoll sein Gemächt kraulend. Aber schlimmer geht´s immer, wie ein Ereignis zeigte, das etwa ein halbes Jahr nach der Geburt des zweiten Kindes geschah.

Carola erinnerte sich mit nie enden wollender Scham an einen verregneten Sommertag. Freunde waren zu Besuch. Und weil man bei dem Wetter draußen nicht viel tun konnte, saß man alle am Tisch, trank Kaffee, aß Kuchen und unterhielt sich angeregt, während die größeren Kinder spielten und die kleineren schliefen.
Dodis junge Frau hatte es damals zunächst gar nicht bemerkt, hätte auch nie gedacht, dass es je geschehen könnte. Im Gespräch mit ihren Gästen nahm sie etwas irritiert zur Kenntnis, dass diese mehr und mehr auf Dodi starrten, was zur Folge hatte, dass sie dem Gespräch nur noch sehr vage folgten. Carola hatte Angst es zu tun, wendete dann aber den Kopf und blickte auch zu Dodi. Ihre Augen fielen beinahe aus dem Kopf, sie rang nach Luft und sie rang nach Fassung. Während alle den Kuchen genossen, hatte Dodi sich im Fernsehsessel zurückgelehnt, die Rechte kraulte in der Hose hingebungsvoll sein Gemächt. Dodis breites, dickes Gesicht war bereits hochrot. Die Augen in dem rot glänzenden Gesicht waren halb geschlossen, der Mund halb geöffnet, das Kinn nach vorne geschoben. In diesem nach vorne geschobenen Unterkiefer hing die Zunge wie ein rosa Waschlappen, der auf der Unterlippe lag und mit dieser abschloss. In den Mundwinkeln sammelte sich der Speichel.
Caro spürte starken Schwindel. Sie japste ein paar Mal, dem Erstickungstod nahe. Als müsse sie fliehen sprang sie auf einmal auf, ihre Kaffeetasse kippte um und der Inhalt ergoss sich über die Tischdecke. Drei ewig lange Sekunden lang stand sie da, die Fäuste geballt, Tränen in den Augenwinkeln, das Gesicht so rot wie Dodis. Dann schrie sie Dodi an. Sie schrie so laut und kreischend, ihre Stimme überschlug sich, wurde rau und heiser, vor Verzweiflung und Scham und am Ende doch auch aus Mutlosigkeit.

„Benehme dich gefälligst wie ein normaler Mensch!“, schrie sie. „Oder kannst du das nicht mehr? Kannst du dich nicht wenigstens wie ein normaler Mensch benehmen, wenn Gäste da sind? Kannst du mir eine solche Peinlichkeit nicht einfach ersparen, oder hast du heute Vormittag nur so wenig gewichst, dass dir die Eier platzen, wenn du nicht wartest, bis die Gäste weg sind?“

Dodi war völlig überrumpelt. Nun war er es, der nach Luft und nach Fassung rang, japsend und entsetzt. Er wünschte, der Erdboden möge sich auftun, so dass er darin versinken konnte. Er schämte sich für Caro so sehr, wie er sich noch nie für einen Menschen geschämt hatte. Wie konnte sie so herumschreien? Wie konnte sie ihn maßregeln, als sei er ein dummer Schulbub? Er war ein Mann, ein erwachsener Mann! Das musste seine Frau doch glatt übersehen haben, als sie ihn vor den dasitzenden Gästen dermaßen dumm beschimpfte! So etwas musste sich ein Kerl von Format wie Dodi nicht bieten lassen. Nein, das machte ihn zornig. Er riss die Hand förmlich aus der Hose, stellte laut und in vielerlei Hinsicht auch erregt die Behauptung auf, ein erwachsener Mann zu sein und rannte aus dem Raum. Die Wohnzimmertür fiel hinter ihm laut ins Schloss. Momente später knallte auch noch die Schlafzimmertür laut zu. Dann war es still. Nur noch Carolas angespanntes, heftiges Ringen nach Atemluft war zu hören. Sonst war alles still wie es nur der Tod selbst sein kann.

 Dodi hat damals im Schlafzimmer sein, ähm... Ziel erreicht. Es gab ja für ihn keinen Grund, nicht zu beenden, was er begonnen hatte. Die Gäste aber waren betroffen und wussten nichts mehr zu sagen. Sie sammelten die Kinder ein, die durch Caros Gebrülle Angst bekommen hatten, und gingen nach Hause. Der Tag endete deprimierend für Carola. Die Zeit war schlimm und wurde täglich schlimmer.

An irgendeinem Punkt, der sich fließend näherte, war es eine tägliche Herausforderung für Carola, sich nicht den ganzen Tag zu übergeben. Immer öfter saß Dodi irgendwo und steckte früher oder später die Hand in die Hose. Vor dem Fernseher, vor dem Computer, am Esstisch… Nur Momente nachdem die Hand begann Kraulbewegungen auszuführen, wurde dann sein breites, dickes Gesicht hochrot. Die Augen in dem rot glänzenden Gesicht waren wie immer halb geschlossen, der Mund halb geöffnet, das Kinn nach vorne geschoben. In diesem nach vorne geschobenen Unterkiefer hing die Zunge wie ein rosa Waschlappen, der auf der Unterlippe lag und mit dieser abschloss. In den Mundwinkeln sammelte sich der Speichel.

Carola wurde mit diesem Gesicht immer öfter konfrontiert. Sie war froh, wenn Dodi in der Arbeit war, denn sobald er nach Hause kam, kamen auch das Gesicht, die Kraulhand und die Flapp-Flapp-Geräusche. An einem dieser Tage, als Dodis Zunge so auf der Unterlippe lag, fiel Carola übrigens zum ersten Mal auf, dass Dodis Lippen wie fette, kurze Regenwürmer aussehen. Und sie stellte nüchtern fest, dass sie sich vor ihnen ekelte. Sie ekelte sich auch vor dem hochroten Kopf, dem halboffenen Mund, dem nach vorne geschobenen Kiefer und der Zunge, die aussah wie ein rosa Lappen. Sie ekelte sich vor Dodis Händen. Sie ekelte sich so sehr, dass man es zusammenfassend sehr klar sagen kann: Carola ekelte sich vor ihrem Ehemann.

Einige Ereignisse im Leben eines Menschen sind in der Lage, diesen nachhaltig zu verändern. Und so kam die Zeit, dass die sanftmütige Carola plötzlich des Öfteren den starken Wunsch verspürte, Dodi sehr heftig zu schlagen. Carola stellte sich vor, ihn mit einem Gegenstand zu schlagen. Beispielsweise mit einer Bratpfanne oder einem anderen Instrument, das beim Schlagen mit hoher Wahrscheinlichkeit heftigste Schmerzen und Verletzungen verursachen würde. Sie war durch diese Gefühlsregungen sehr verwirrt, weil es in all den Jahren vorher nie so war, dass sie eine Person schlagen wollte. Dodi aber wollte sie schlagen. Sie wollte ihn schlagen, damit seine halbgeschlossenen Augen ganz fest zu schwellen, so dass er nicht mehr dieses abscheuliche Gesicht machen konnte. Sie konnte es nicht mehr ertragen, dieses „Mir-läuft-der-Sabber-aus-dem-Maul-vor-lauter-Geilheit-Gesicht“. Es widerte sie auf eine schier überemotionale Art an, weil es aus Carolas Sicht das niedrige Niveau Dodis so klar zeigte, und auch, dass ein Teil der Evolution spurlos an ihm vorübergegangen war. Sie wollte ihn schlagen, damit er sein Gesicht schützen musste und die Hand dazu aus der Hose nehmen musste, mit der er wichste wie ein Bonobo, der sonst nichts Anderes mit seiner Zeit zu tun weiß.
Oft hatte Carola in dieser Zeit das Gefühl, sie sei nicht mehr sie selbst, weil sie so gerne wild und leidenschaftlich auf Dodi eingeprügelt hätte. Sie hat es übrigens nie getan. Carola hat Dodi nie geschlagen, denn sie wollte ihn nicht unnötig berühren müssen. Man will niemanden berühren, den man seit geraumer Zeit extrem ekelerregend findet und den man inzwischen auch abgrundtief hasst. 

Und das tat sie. Carola hasste ihn irgendwann, weil er ihre immer stärker werdende Verweigerung, ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen, nicht gelten lassen wollte und sie nicht wusste, wie sie sich wehren sollte, außer mit Worten, Händen und Füßen. Nachts wachte Carola oft auf. Manchmal weil Dodi an ihr herumfingerte. Heftig atmend lag er dann dicht neben ihr. Es fuhren seine ekligen Finger über ihre Brüste, über ihren Bauch oder sie versuchten sogar in ihre Körperöffnungen einzudringen. Manchmal war es gottlob nicht ganz so schlimm. Dann wurde Carola nur wach, weil das ganze Bett zitterte und bibberte, wenn Dodi neben ihr lag und wichste. Selbst das war für Dodi ein Normalzustand. Carola legte sich in der Regel vor Dodi schlafen, denn sie musste nachts auf, wegen der beiden Kinder, die nicht durchschliefen. Ging Dodi dann etwas später auch ins Bett, holte er sich einen runter. Neben seiner Frau im Ehebett. Andere lesen ein Buch, wieder andere schauen einen Film an. Menschen sind unterschiedlich.

Oft fragte sich Carola in dieser Zeit, was das für ein Mann ist, der da neben ihr liegt und der mit ihr in diesem Haus lebt. Jedenfalls nicht der Vater ihrer Kinder, der romantische zuvorkommende Mann, den sie geheiratet hatte. Der Mann, den sie geheiratet hatte, war weg. Er hatte sich transformiert, wie eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt. Nur war es umgedreht. Der schöne Schmetterling war zu einer fetten, schleimigen, ekelerregenden Nacktschnecke geworden.

Dodi hatte sich in den letzten Jahren im Übrigen in einer Spezialdisziplin zu einem Weltmeister entwickelt. Er perfektionierte all sein Können, wie man bei seiner Ehefrau und anderen Mitmenschen liebevolle, freundschaftliche und bewundernde Gefühle tötet und sexuelle Lust im Keim erstickt. Rotze hochziehen gehörte zum Beispiel zu seinen am besten geübten Leidenschaften. Doch Dodi hatte noch viele derartig gut einstudierte Verhalten. So ließ er die Klotür beim Kacken offen, bohrte sich im Lokal mit den Fingern im weit geöffneten Mund oder furzte beim Sonntagsspaziergang an der Seepromenade. Wie eine Pflanze wächst, wenn man sie gießt und pflegt, so wuchs der Unmut in Carola, je mehr Dodi seine Unarten pflegte. Eines Tages war es dann soweit, Dodi hatte alles perfektioniert. Wachstum war nicht mehr möglich. Carola fand von da an alles schlecht, was Dodi betraf. Sie sah ihn mit ganz besonderen Augen. Er konnte tun, was er wollte: Carola fand es ekelerregend. Wie er ging und saß. Wie er blöd lachte, an den falschen Stellen meistens auch noch. Wie er fett und dämlich wurde, jeden Tag unendlich viel mehr. Sie ekelte sich wenn Dodi ging, wenn er stand, saß oder lag. Sie ekelte sich wenn er sich bewegte und wenn er dies nicht tat. Öffnete er den Mund um zu reden, so ekelte sich Carola. Es war ekelhaft für Carola, wie er sich die Zähne putzte, oder unter der Dusche stand, oder wie er dastand und hohl schaute, wenn er das Auto betankte.

In so einer Situation muss man sich nichts mehr vormachen. Wenn es in einer Beziehung so weit gekommen ist, dass der eine Partner jede Sekunde nur noch Ekel für ganz normale Aktivitäten des anderen Partners empfindet, ist ein komplettes Aufzählen nicht möglich und auch nicht nötig. An diesem Punkt befand sich Carola. Das Essen der Wurstsemmel führte bei ihr deshalb zu einer Entscheidung, weil der Ekel und Unmut auf Dodi derart geballt waren, dass diese banale Sache in dieser bahnbrechenden Sekunde eben doch zu einer weitreichenden Entscheidung führen konnte. 

Carola straffte den Rücken und stand auf. Sie würde es ihm jetzt sagen. Sie würde sich nicht von ihm abbringen lassen und nicht den Kürzeren ziehen. Keinen Tag länger wollte sie sehen, wie Dodi Wurstsemmeln isst. Alles andere wollte sie erst recht nicht. Nie mehr!
Langsam ging sie auf Dodi zu, der inzwischen dazu übergegangen war, seine Zehennägel zu schneiden. Die Fußnägel sammelte er auf den Teller neben die Fußpilzhautfetzen.
„Nimm das gleich mit, wenn du in die Küche gehst!“, sagte Dodi, als er Carola kommen sah. Er fügte die Krümel der Semmel, die Zehennägel, sowie die Fußpilzhornhautfetzen auf ein kleines Häufchen zusammen und schob Carola den Teller hin. Carola schob ihm den Teller zurück. In Gedanken sah sie fürchterliche Krankheiten auslösende Bakterien vom Teller auf ihre Hand laufen. Sie wischte die Hand unverhohlen an ihrem Rock ab.

„Wir müssen reden. Es geht nicht mehr. Unsre Ehe ist am Ende!“ Carola war selbstbewusst und gradlinig, auf jede Gegenwehr vorbereitet. Es gab kein Zurück. Es gab keinen anderen Ausweg aus diesem täglichen Grauen, aus dem Ekel und der Unzumutbarkeit, die sie erfasste, wenn der Mann, ihr Mann, in der Nähe war.

Dodi nickte. „Unsere Ehe ist am Ende. Ja, unsere Ehe war schon besser.“ Dodi machte ein nachdenkliches Gesicht und dann lächelt er. „Ja gut, was soll ich jetzt dazu sagen…. Unsere Ehe ist am Ende. Okay, dann sollten wir uns eben trennen. Alles andere macht dann keinen Sinn.“, erklärte er ohne Umschweife.

Manchmal kann das Leben so einfach sein.

 

 

Wir stehen an einem Ende. Wir sind ein Anfang. (Christian Morgenstern)